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Quelle und Literatur [...]

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[S. 354]

Telemann
(ex autogr.)

Georg Philipp Telemann+) redet hier selber, und erzehlet uns, mit eigner 
geschickten Feder, die wunderwürdigen Zufälle seines Lebens, besonders 
in dem, was die musikalischen betrifft, mit folgenden auserlesenen Wor-
ten, und in der angenehmsten Schreibart.
       Ich bin, sagte er, in Magdeburg 1681.*) den 14. Märtz gebohren,
       und den 17ten drauf Evangelisch-Lutherisch getaufft worden.  Mein Vater,

 

_____________________
+) Wenn man diesen harmonischen Megalander und J. H. Buttstett in einer solchen Klasse zusammen antrifft, darin die vor andern berühmten Tonmeister des itzigen Jahrhunderts eigentlich gepriesen werden sollen, wie wir leider das Beispiel im XXII. Bande p 1404 des Universal Lexici erlebet haben: so kan man sich nicht genug wundern über den Abgang gesunder Urtheilskrafft, mittelst welcher diese beide Rahmen zwar gewisser maassen in einem Buche; aber bey weitem nicht in einerley Rang und Würde stehen können. Mir ist nicht unbewusst, daß es aus dem so genannten Kurtzgefaßten musikal. Lexico wörtlich als abgeschrieben worden; allein dseto schlimmer ist es Doch, was soll man sagen ? Die ungeheuren Lexicographi können ja unmöglich alles wissen; wenn sie nur nicht andre alles lehren wollen! wiewohl, sie freuen sich des Vortheils, daß keine Seele ihre 40. Oder 50 Folianten von Ort zu Ende durchliefet, und also niemand den tausenden Theil ihrer Fehler erfährtet. Wer sonst nur ein wenig darin blättert, darf nach Überfluß und Mangel nicht lange suchen. Z. E.  im XIX. Bande p. 2047 werden Harmonie und Musik für einerley Ding, am Schwantze der Mathematik, angegeben: da mangelts am Unterschiede. Aber der artige überflüßige Präsident zu Mortier, im Artikel Mirannon, Tomo XXI. p. 421 siehet dem Herrn Articulo Schmalkaldico etwas ähnlich: denn wenn ein Ort zum Mann, und eine Mütze zum Ort gemacht wird, läufft es fast auf eins hinaus. Etc. etc. etc

*) Es hatte der Hr. Verfasser, in seinem eigenhändigen Aufsätze von 1718. aus Frankfurt, sein Geburths-Jahr ins 1682ste gestellet, und so ist es auch in der grossen General-Baß-Schule gedruckt worden: itzo aber hat er dieses Versehengeändert. (Die wenigen Anmerkungen sind von Mattheson, so wie das übrige, was noch mit commatibus hier bezeichnet ist.) 

[S. 355]

Henricus, war Prediger daselbst an der Kirche zum H. Geist, und starb 1685. 
den 17. Jenner, als er kaum 39. Jahr erlebet; ich aber noch nicht das vierte errei-
chet hatte. Meine Mutter, Maria, stammte gleichfalls von einem Pastore 
aus Altendorff, Johann Haltmeyer, her, und verblich 1710. 
       In den kleinern Schulen lernte ich das gewöhnliche, nemlich Lesen, 
Schreiben, den Catechismum und etwas Latein; ergriff aber auch zuletzt die 
Violine, Flöte und Cither, womit ich die Nachbarn belustigte, ohne zu wissen, 
ob Noten in der Welt wären. Die grosse altstädter-Schule, so ich im zehnten 
Jahre betrat, verschaffte mir die höhere Unterweisung, vom Cantore, Hrn. 
Benedicto Christiani, biß in die oberste Klasse des Hrn. Rectoris, Anton 
Werner Cuno, endlich auch diejenige des Hrn. N. Müllers, Rectorius am 
Dom, welcher mir die erste Liebe zur deutschen Dichtkunst einpflanzete. Ge-
samte Lehrer aber waren mit  meinem Fleiße, oder vielmehr mit meiner Fähig-
keit bald zu fassen, sehr zu frieden, und gaben mir das Zeugniß, daß ich im 
Lateinischen, besonders aber im Griechischen, einen guten Grund geleget hatte. 
Allein, was vergisst man nicht ohne Uebung.
       In der Musik bin ich, binnen wenig Wochen so viel begriffen, daß der 
Cantor mich, an seiner Statt, die Singestunden halten ließ, ob gleich meine 
Untergebne weit über mir hervorrageten. Während dieser Zeit  componirte er; 
so bald er aber den Rücken wandte, besahe ich seine Partituren, und fand im-
mer etwas darin, so mich ergetzte; warum aber? das war mir verborgen. 
Gnug, ich wurde dadurch veranlasset, allerhand Musik zusammen zu raffen, die 
ich in Partituren schrieb, und emsig in selbigen laß, mithin immer mehr Licht 
bekam: biß ich endlich, mit Ehren zu melden, selbst anfing zu componiren; 
aber doch in aller Stille.

       Inzwischen wußte ich, mit Unterschreibung eines erdichteten Nah-
mens, mein Machwerck in des Cantoris und Präfecti Hände zu spielen, da ich 
es denn theils  in der Kirche, theils auf der Gasse, und auch zugleich den neuen 
Verfasser aufs beste loben hörte. Dies machte mich so kühn, daß ich eine er-
tappte hamburger Oper, Sigismundus, etwa im zwölfften Jahr meines 
Alters, in die Musik setzte, welche auch auf einer errichteten Bühne toll genug 
abgesungen wurde, und wobey ich selbst meinen Held ziemlich trotzig vorstellte. 
Ich mögte diese Musik wohl itzt sehen, wenn mir der Kopf nicht recht stehet.
 

[S. 356]

Bevor ich zu solchem Vermögen gelanget war, ließ ich mich auf dem 
Clavier unterrichten; gerieth aber zum Unglück an einen Organisten, der mich 
mit der deutschen Tabulatur erschreckte, die er eben so steiff spielte, wie vieleicht 
sein Grosvater gethan, von dem er sie geerbet hatte. In meinem Kopfe spuck-
ten schon muntrere Töngens, als ich hier hörte. Also schied ich, nach einer vier-
zehntägigen Marter, von ihm; und nach der Zeit  habe ich, durch Unterweisung, 
in der Musik nichts mehr gelernet.
       Ach! aber, welch ein Ungewitter zog ich mir durch besagte Oper über 
den Hals! die Musik-Feinde kamen mit Schaaren zu meiner Mutter, und 
stellten ihr vor: Ich würde ein Gauckler, Seiltänzer, Spielmann, Mur-
melthierführer etc. werden, wenn mir die Musik nicht entzogen würde. Gesagt, 
gethan! mir wurden Noten, Instrumente, und mit ihnen das halbe Leben ge-
nommen. Damit ich aber desto mehr davon abgezogen würde, so ward be-
schlossen, mich nach Zellerfeld auf dem Hartze in die Schule zu schicken: weil 
meine Notentyrannen vieleicht glaubten, hinterm Blockberge duldeten die He-
xen keine Musik.
       Ich ging, etwa 13. Jahr alt, mit meinem Empfehlungs-Briefe an den 
Superintendenten, Hn. Caspar Calvör, begleitet, der mich zum Studiren sorg-
fältig anhalten sollte, welches auch geschahe, und ich nahm in selbigem, besonders 
in der Feldmesserey, mercklich zu; aber auch diese hat das Schicksal des vorhin 
gedachten Griechischen gehabt.

       Nach einigem Zeitverlaufe sollte ein Bergfest gefeiret werden, und der 
Cantor zu einer ihm gegebenen Poesie die Musik verfertigen: allein er lag am 
Podagra. Immittelst hatte ich einem meiner Schulgesellen vertrauet, daß ich 
Tone zusammen zu setzen wüste. Dieser eröffnete es jenem; ich wurde gerufen, 
und übernahm, auf dessen Ansuchen, solche Verrichtung. Der Tag der Auf-
führung nahete heran; mein Cantor aber mußte annoch das Bette hüten: also 
kam das Tactgeben an mich, als an eine Figur von 4. Fuß und etlichen Zollen, 
welcher man ein Bänckgen untersetzte, damit sie gesehen werden könnte. Die 
Musik war gut besetzt, und klang. Die treuhertzigen Bergleute, mehr durch 
meine Gestalt, als durch die Harmonie gerührt, wollten mir nach geendig-
tem Gottesdienste, ihre Liebe bezeugen, und brachten mich hauffenweise nach 
meiner Wohnung; einer aber von ihnen trug mich auf dem Arme dahin, wo-
bey ich mich mit ihrem gewöhnlichen Lobspruche: Du kleiner artiger Boß! 
zum öfftern beehren hörte.

Mein lateinischer Hüter, der brave Hr. Calvör, ließ mich zu sich 
fordern, eröffnete sein Vergnügen über meine Musik, und ermahnete
mich,

[S. 357]

ferner darin fortzufahren; zeigte mir auch die Verwandtschafft der Meskunst mit 
der Musik: wie denn seine Schrifften hernach gewiesen haben, daß er in beiden 
ein gantzer Meister gewesen sey. Dies schien das meiner Mutter gegebene Ver-
sprechen aufzuheben, und verleitete mich zu einem unschuldigen Ungehorsam: al-
so, daß ich das Clavier wieder hervorsuchte, und im Generalbasse zu grübeln an-
fing, wovon ich mir eigne Regeln niederschrieb. Denn ich wuste noch nicht, 
daß Bücher davon wären, und den Organisten wollte ich auch nicht fragen, weil 
der magdeburgische, fürchterlichen Andenckens, mir noch unvergessen war. 
Daneben wurden Violine und Flöte auch nicht hintangesetzt; zur Kirche aber 
verfertigte ich fast alle Sonntage ein Stück: fürs Chor Moteten; und für den 
Stadt-Musikanten allerhand Bratensymphonien.
       Nach einem vierjährigen Auffenhalt allhier begehrte des hildesheimi-
schen damahls-berühmten Gymnasii Director, Hr. Mag. Loßius, mich dahin, 
welches mir auch von Magdeburg aus bewilliget ward, wohin mein mehrge-
dachter Gönner mogte geschrieben haben. Der Hr. Loßius pflegte jährlich 
ein oder zwey Schauspiele poetisch zu verfassen und aufzuführen, also, daß die 
Rezitative geredet, die Arien aber gesungen wurden; und zu diesen muste ich die 
Musik setzen, die vieleicht bloß darum gefiel, weil ich immer nur noch ein Stück 
vom menschlichen Cörper war.
       Die Schulstunden verabsäumte ich nicht, es müßte denn die Logic seyn, 
mit deren Barbara, Celarent, ich mich nicht vertragen konnte. Gnug, ich stieg, 
unter einer Anzahl von 150. Schülern, die die erste Classe ausmachten, biß zum 
dritten Platz von oben.

       Die Sätze von Steffani und Rosenmüller, von Corelli und Cal-
dara
*) erwählte ich mir hier zu Mustern, um meine künfftige Kirchen- und 
Instrumental-Music darnach einzurichten, in welchen beiden Gattungen denn 
kein Tag ohne Linie vorbey ging. Die zwo benachbarten Capellen, zu Hano-
ver und Braunschweig, die ich bey besondern Festen, bey allen Messen, und sonst 
mehrmals besuchte, gaben mir Gelegenheit, dort die frantzösische Schreibart, 
und hier die theatralische; bey beiden aber überhaupt die italiänische näher zu ken-
nen, und unterscheiden zu lernen. Auch brachten mir, die hie und dort befind-
liche, treffliche Instrumentalspieler die Begierde bey, auf den meinigen stärcker zu 
werden; worin ich aber weiter gegangen wäre, wenn nicht ein zu heffti-
ges Feuer mich angetrieben hätte, ausser Clavier, Violine und Flöte mich an-
noch mit dem Hoboe, der Traverse, dem Schalümo, der Gambe etc. biß auf den 
Contrebaß und die Quint-Posaune, bekannt zu machen.

 

_______________
*) Da kommen die Italiäner schon in Betracht; die Frantzosen hernach.

[S. 358]

       Der damalige jesuitische Musicdirector in der römischcatholischen 
Kirche, Pater Crispus, dem ich öffters, bey seinen Aufführungen, zum 
Scherwentzel im Singen und Spielen gedienet, hatte mich lieb gewonnen, und 
trat, nachdem er durch brünstige Überredungen an meine Wiederkehr zum 
Schoosse seiner Kirche vergebens gearbeitet, mir dennoch, aus danckbarem Ge-
müthe, das godehardiner Kloster, eines von den wichtigsten daselbst, ab, wo 
ich alles mit Evangelischen bestellete, deutsche Zwischencantaten einführte, die 
nicht selten Religionsstreitigkeiten enthielten, und alles das vermied, was der un-
srigen anstößig sein konnte: wie ich denn auch zu dieser Verwaltung die Einwilli-
gung des sonst eifrigen Superintendenten, Hrn. D. Johann Riemers +)
erhielt.
       Endlich ward ich der Manteljahre satt, und sehnte mich nach einer ho-
hen Schule, wozu ich Leipzig erkiesete. Ich reisete nach meiner Vaterstadt, um 
hiezu das benöthigte in Ordnung zu bringen.
Ein veranstaltetes Examen brachte 
den Ausspruch zu Wege, daß ich ein Jurist werden, und der Musik gäntzlich 
absagen sollte. Jenes war ohne dies meine Absicht; und zu diesem bequemte ich 
mich ohne allen Wiederspruch, mit dem festen Vorsatze, auf einen geheimen 
Rath loß zu studiren: hinterließ auch meine gantze musikalische Haushaltung, 
und begab mich 1701. nach Leipzig, da ich unterwegens in Halle, durch die 
Bekanntschafft mit dem damals schon wichtigen Hrn. Georg Fried. Händel
*)
, beynahe wieder Notengifft eingesogen hätte. Allein ich hielt fest, und nahm 
meine vorige Gedancken wieder mit auf den Weg. Ich langte an, und kam am 
schwarzen Brete mit einem ansehnlichen Studioso überein, dessen Stuben-
pursch zu werden. Mein Reisegeräthe ward geholet; aber wie klopffte mir das 
Hertz, als ich Wände und Winckel der Stube mit musikalischen Instrumen-
ten versehen fand! Mir wurde alle Abend was vormusiciret, welches ich be-
wunderte; ob ich es gleich selbst weit besser konnte.

       Ich fing indes meine Collegia an, und hörte bey dreien Professorn und 
Doctorn, als beym ältern Hrn. Otto Menken, und bey Hrn. Andreas 
Mylius**), Juridica; bey Hrn. N. Weidling die Rednerkunst, und 
bey Hrn. Magister N. Calvisius die Philosophie.
       Mittlerweile kömt mein Stubenpursch einst über meinen Coffre, und 

 

___________________
+) Der als Pastor an der hamburgischen Jacobs-Kirche 1714. gestorben ist, und in seinem Lebenslaufe verordnet hat, man solle weder läuten noch singen bey seinem Begräbnisse, denn er könnte das Geräusche nicht vertragen. Doch hat man von ihm unter andern ein Büchlein, das klingende Zion betitelt.

*) Dieser war damals kaum 16. Jahre alt.

**) Er starb 1702. Den 6. Jan.

[S. 359]

findet den von mir componirten sechsten Psalm, der, ich weiß nicht wie, unter 
mein Leinenzeug gerathen war. Ich verständigte ihn meines Vorhabens, wel-
ches er billigte; bat sich aber den Psalm aus, um ihn am nähesten Sonntage in 
St. Thomaskirche musiciren zu lassen. Der damalige Bürgermeister und 
geheime Rath, Hr. D. Romanus, findet Geschmack daran, und beredet mich,
alle 14. Tage ein Stück für besagte Kirche zu setzen; wogegen ich mit einem er-
klecklichen Legat versehen wurde, ohne die Hoffnung, so man mir zu grössern 
Vortheilen machte: doch ging dessen fernerer Rath dahin, daß ich die andern 
Studien nicht niederlegen sollte.

       Itzo fiel mir meine Mutter, deren Befehle ich ehrete, wieder ein, eben 
als ich von ihr einen neuen Geldwechsel empfing. Ich schickte solchen wieder zu-
rück, meldete meine übrigen Umstände, und bat um Aenderung ihres Willens, 
in Ansehung der Musik. Ihr Seegen zu meiner neuen Arbeit erfolgte: und 
nun war ich auf der einen Achsel wieder ein Musikus.

       Bald darauf gewann ich die Direction über die Opern, deren ich ins-
gesamt, auch noch von Sorau und Franckfurt aus, etliche und zwantzig, und zu 
vielen davon ebenfalls die Verse, gemacht habe. Für den weißenfelsischen Hof 
verfertigte ich etwa vier Opern, und richtete endlich in Leipzig das noch stehende 
Musikcollegium an.
       Die Orgel in der neuen Kirche wurde fertig, und ich darüber, als Or-
ganist, wie auch zum Musikdirector bestallet. Jene habe nur bey der Einwei-
hung berühret; hernach aber solche verschiedenen Studiosis unter die Hände 
gegeben, die sich darum zanckten. Die Feder des vortrefflichen Hn. Johann 
Kuhnau
diente mir hier zur Nachfolge in Fugen und Contrapuncten; in me-
lodischen Sätzen aber, und deren Untersuchung, hatten Händel und ich, bey 
öfftern Besuchen auf beiden Seiten, wie auch schrifftlich, eine stete Beschäff-
tigung.

       Von Leipzig aus habe Berlin zweimahl gesehen; die Oper Polyphemo, 
von Giov. Bononcini, und eine andre (jedoch von meinen Freunden ver-
steckt, weil nur wenigen der Eingang erlaubet war) angehöret, worin meistens 
hohe Personen, unter andern eine, hernach nach Cassel verheirathete Marck-
gräfinn, sangen, die Königinn Sophia Charlotte aber selbst auf dem Clavier 
accompagnirten, und das Orchester grossen Theils mit Capell- und Concert-
Meistern besetzet war, als nehmlich: Padre Attilio Ariosti; die Gebrüder 
Antonio und Giovanni Bonocini; der Obercapellmeister Rieck; Rug-
giero Fedeli; Volumier*) ; Conti; La Riche; Forstmeier
etc.

       Im 1704ten Jahre wurde ich nach Sorau, zu S. Excellenz, dem

__________________
*) par corruptio: Woulmyer

[S. 360]

Hrn. Grafen, Erdmann von Promnitz, als Capellmeister berufen. Das glän-
tzende Wesen dieses auf fürstlichem Fuß neu-eingerichtete Hofes munterte mich zu 
feurigen Unternehmungen auf, besonders in Instrumentalsachen, worunter ich die 
Ouvertüren mit ihren Nebenstücken vorzüglich erwehlete, weil der Herr Graf 
kurtz vorher aus Franckreich wiedergekommen war, und also dieselben liebte. 
Ich wurde des Lulli, Campra*)  und andrer guten Meister Arbeit habhafft, 
und legte mich fast gantz auf derselben Schreibart, so daß ich 
der Ouvertüren in zwey Jahren bey 200. zusammen brachte.

       Als der Hof sich ein halbes Jahr lang nach+)  Plesse einer oberschle-
sischen, promnitzischen Standesherrschafft, begab, lernete ich so wohl daselbst 
als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbari-
schen Schönheit kennen. Sie bestund, in gemeinen Wirtshäusern, aus ei-
ner um den Leib geschnalleten Geige, die eine Terzie höher gestimmet war, als 
sonst gewöhnlich, und also ein halbes Dutzend andre überschreien konnte; aus ei-
nem polnischen Bocke; aus einer Quintposaune, und aus einem Regal. An 
ansehnlichen Oertern aber blieb das Regal weg; die beiden erstern hingegen 
wurden verstärckt: wie ich denn einst 36. Böcke und 8. Geigen beisammen gefun-
den habe. Man sollte kaum glauben, was dergleichen Bockpfeiffer oder Gei-
ger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so offt die Tantzenden ruhen, fan-
tasiren. Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein 
gantzes Leben erschnappen. Gnug, in dieser Musik steckt überaus viel gutes; 
wenn behörig damit umgegangen wird. Ich habe, nach der Zeit, verschiedene 
grosse Concerte und Trii in dieser Art geschrieben, die ich in einen italiänischen 
Rock, mit abgewechselten Adagi und Allegri, eingekleidet.

       Etwas merckwürdiges ist hier nicht zu vergessen. Der Hof wurde zu 
zweienmahlen grossen Theils abgedanckt, und selbst Günstlinge  wurden mit 
fortgerissen; ich aber blieb. Sonst hat die Musik insgemein den Vortantz.

       Endlich hatte ich in Sorau noch das Vergnügen, mit dem berühmten 
Herrn Wolfgang Caspar Printz**), Cantore daselbst, umzugehen, wobey

 

_________________
*) Campra hat am ersten besäitete Instrumente in die parisische Dom-Kirche eingeführt, und 
ist in geistlichen Sachen am fruchtbarsten gewesen, ehe er sich der Oper widmete. Cam-
pra fut le premier qui eut le credit de faire entrer les instrumens a` cordes dans l´Eglise 
de notre Dame de Paris. --- Campra le plus fecond de tous, & celui que je placerai 
le premier en l´etat ou` ils font, quand on m´ordonnera de les arranger, --- Si ce mal-
heureux garcon n`avoit point deferte l`Eglise pour aller fervir l`Opera &c. Histoire de 
la Mus. Tome IV p. 154 & 176
S. p. 166 dieser Ehrenpforte

+) S. Den Artikel Printz p. 269, 270.

**) Printz war damahls schon 26 Jahre Capell-Director gewesen, welches Amt ihm 
1682. aufgetragen worden, und      1662.bereits gräfl promntitzscher Musik-Di-
rektor und Hofcomponist: Das war zu der zeit weniger, als Capellmeister.

[S. 361]

er einen Heraclitum, und ich einen Democritum vorstellete. Denn er beweinte 
bitterlich die Ausschweiffungen der itzigen melodischen Setzer: wie ich die un-
melodischen Künsteleien der Alten belachte. Da er aber noch immer hoffete, ich 
würde aus dem Babel der ersten heraus gehen, also sollte ich, vor meinem Ab-
zuge nach Eisenach, welcher 1708. geschahe, von einem seltenen Geheimnisse 
unterrichtet werden, um es dem Hertzoge von Gotha, gegen Erlegung einer ge-
wissen Summa, die wir theilen wollten, wiederum beizubringen. Es bestund 
darin; durch Hülffe der Musik alle Handlungen eines versandten Ministers, 
eines Generals im Felde etc. nicht allein zu wissen; sondern auch durch eben 
dieses Mittel, ihnen Befehle zu erteilen. Da ich aber den Vortrag kaum 
mit halber Ernsthafftigkeit aushören konnte, so ward ich solcher Schwartz-
künsteley beraubet.+)

       Bisher war mirs ergangen, wie den Köchen, die eine Reihe Töpffe 
am Feuer stehen haben, aus deren etlichen sie nur etwas zu kosten geben. Nun-
mehr aber sollte ich völlig anrichten, das ist, mit allen meinen Instrumenten,
mit Singen und mit der Feder zeigen, was ich gelernet hatte. Die Absicht war 
in Eisenach anfangs nur auf eine Instrumental-Musik gerichtet, deren Glieder 
der nie genug zu rühmende Hr. Pantaleon Hebenstreit zusammen suchte, 
und welchen ich, als Concertmeister, vorgesetzet ward: mithin bey der Tafel und 
in der Kammer die Violine, und das übrige, zu spielen hatte; da jener den 
Nahmen eines Directoris führte, in der letzten aber auch mitgeigete, und auf 
seinem bewundernswürdigen Cymbal sich hören ließ. Es erwuchs aber bald 
eine Capelle, nachdem der Durchlauchtige Hertzog an einigen Kirchencantaten, 
die ich allein absang, Gefallen getragen: da ich denn befehliget wurde, benö-
thigte Sänger zu verschreiben, die aber auch als Violinisten gebraucht werden 
könnten; nach deren Ankunfft ich denn zum Capellmeister ernannt wurde, je-
doch auch zugleich die vorigen Dienste that. Ich muß dieser Capelle, die am 
meisten nach frantzösischer Art eingerichtet war, zum Ruhm nachsagen, daß sie 
das parisische, so sehr berühmte Opern-Orchester, welches ich nur erst vor kur-
tzem gehöret, übertroffen habe
.
       Hiebey entsinne ich mich der Stärcke besagten Hrn. Hebenstreits 
auf der Violine, die inh gewiß des ersten Ranges unter allen andern Meistern 
würdig machte: daß, wenn wir ein Concert mit einander zu spielen hatten, ich

___________________
+) Es ist vermuthlich ein Stück aus der Mythographie gewesen, die ihren Nutzen sehr wohl haben kann., und ohne Hexerey zugeht.

[S. 362]

mich etliche Tage vorher, mit der Geige in der Hand, mit ausgestreifftem 
Hemde am lincken Arm, und mit stärckenden Beschmierungen der Nerven 
einsperrte, und bey mir selbst in die Lehre ging, damit ich gegen seine Gewalt 
mich in etwas empören könnte. Und siehe da! es halff zu meiner mercklichen 
Besserung. Gleichwie ich ausser etlichen wenigen, doch überaus schönen Bei-
trägen, so jener aufsetzte, zu allen Aufführungen alles verfertigte, so stehet 
leicht zu erachten, was ich zusammen geschrieben haben müsse. Es wurden vier 
Jahrgänge in so vielen Jahren fertig, nebst zween andern, zum nachmittägli-
chen Gottesdienste, worin aber etliche Lücken blieben: die Missen, Commu-
nionsstücke und Psalmen ungezehlet. Hiezu kamen die Serenaten zu Geburths- 
und Nahmens-Tagen, wozu ich die Verse entwarff, deren etwa 20, nebst 50. 
andern Cantaten, welsch und deutsch wurden.
       Und wie wäre es möglich, mich alles dessen zu erinnern, was ich zum 
Geigen  und Blasen erfunden? Aufs Triomachen legte ich mich hier insonder-
heit, und richtete es so ein, daß die zwote Partie die erste zu seyn schien, und der 
Baß in natürlicher Melodie, und in einer zu jenen nahe tretenden Harmonie,
deren jeder Ton also, und nicht anders seyn konnte, einhergieng. Man wollte 
mir auch schmeicheln, daß ich hierin meine beste Krafft gezeiget hätte.

       Von Sorau aus wohnte ich in Berlin, 1705. dem Leichenbegängnisse der 
Königin von Preussen, und darauf 1708. den Beilagern Sr. Kön. Maj. glorw. 
Andenckens, und des jüngst-verstorbenen Königs, als Printzens, folglich so wohl 
der Trauermusik vom Hrn. Ruggiero Fedeli, als den beiden Opern, Sieg der 
Schönheit
und Roxane, mit bey; deren erste theils der damahls Pfaltzgräfl. 
Kammermusicus in Breßlau, jedoch hernach Churpfältzischer Kammerrath, 
Hr. Gottfried Finger*) , theils der Königl. Kammermusikus und endlich Chur-
pfältz. Capellmeister, Hr. Augustin Reinhard Stricker, und die Täntze 
Mr. Valümier; die letzte Oper aber, biß auf die Täntze, wie vorhin, jener 
(Hr. Finger) allein verfertigte.
       Anno 1709. verheirathete**) ich mich zum erstenmahl mit Jungfer 
Amalien Louisen Julianen: zwoten Tochter Hrn. Daniel Eberlins, ehmah-
ligen Capitains unter den päbstlichen Völckern in Morea, so gegen die Tür-
cken gefochten; hernach Bibliothecarii in Nürnberg; darauf Capellmeister in 
Cassel; ferner Pagenhofmeisters, Capellmeisters, geheimen Secretars, Müntz-
wardeins und Regentens auf dem Westerwalde, in eisenachischen Diensten; her-

__________________
*) Er war 1717 fürstl. anhaltinischer Capellmeister in Cöthen.

**) Es ist doch recht sonderlich, daß Telemann und Mattheson in einem Jahre geboren, und auch in einem Jahre vereheliget worden sint. J` en augure du bien.

[S. 363]

nach Bankirers in Hamburg und Altenau; endlich Capitains von der Land-
militz in Cassel. Gewiß, abentheuerliche Glücks-Veränderungen; aber 
auch Zeugnisse eines Kopffes, dergleichen die Natur wenige an Geschicklichkeit her-
vorgebracht hat. Er war, die Musik betreffend, ein gelehrter Contrapunctist, 
starcker Geiger, wovon seine in Nürnberg gestochene Trii+) zeugen, und 
rechnete aus, daß die Violine 2000.mahl verstimmet werden könne.

       Kurtz vor meiner Heirath 1709. wurde mir unvermuthet eine fürstliche 
Bestallung eingeliefert, worin ich den Titel als Secretar, und einen Platz an 
der Marschallstafel erhielt, welchen letztern ich auch in Sorau gehabt hatte. 
Die Ursache mogte seyn, weil der Capellmeister in der Rangfolge noch nicht 
mitbegriffen war: sintemahl man vorher daselbst noch keine förmliche Capelle 
gehabte hatte. Ich wurde aber in sothaner Classe bald der älteste, weil etliche 
daraus starben, und andre sonst Beförderung bekamen: mithin gerieth ich den 
Räthen an die Seite.

       Ich weiß nicht, was mich bewog, einen so auserlesenen Hof, als der 
eisenachische war, zu verlassen; das aber weiß ich, damahls gehört zu haben: 
Wer Zeit Lebens fest sitzen wolle, müsse sich in einer Republick nieder-
lassen. Also folgte ich 1712. dem nach Franckfurt am Mayn, als Capellmei-
ster an der Baarfüsserkirche, erhaltenen Berufe, ohne daß ich einen Menschen 
daselbst kannte. Jedoch die angenehme Freiheit im Leben ersetzte hier den Ver-
lust, den ich dort an einem gnädigen Herrn und an braven Virtuosen erlitten 
hatte. Ob zwar meine jährliche Versorgung nicht geringe war, so trat ich doch 
überdies annoch bey der hochadelichen Gesellschafft, Frauenstein, in Dienste, 
wo ich über den derselben zugehörigen Pallast, welchen die Römischen Kaiser 
bey Dero Wahl und Krönung einzunehmen pflegen, die Aufsicht, und zugleich 
meine Wohnung in solchem bekam. Weil aber auch die Glieder bemeldter 
Gesellschafft Administratores des ansehnlichen bayerischen, und zu Besten 
der Armen gestiffteten, Testaments sind, so machten Sie mich auch zum Zins-
heber der dabey einlauffenden Interessen. Hiernächst wurde mir annoch 
vom Musikdirector der zwoten lutherischen Hauptkirche zu S. Catharinen des-
sen Stelle übergeben. Weiter wurd ich aufs neue von Eisenach, als Capell-
meister von Haus aus, bestallet, und lieferte die zur Kirchen und Kammer 
benöthigten Materialien dahin.

       Als ich ohngefehr, 1716. durch Gotha reisete, und der geschickte Ca-
pellmeister, Christian Friedrich Witt, gestorben war, sollte mir dessen Platz 
wieder werden. Ich dachte daran, wie warm ich in Franckfurth bey 1600 fl.

 

____________________
+) Sie sind Ao. 1675 in Nürnberg in Folio herausgekommen.    G. Walthers Lexicon

[S. 364]

saß, und reisete weiter. Ich kam zurück. Gute Freunde hielten mich fürs er-
ste einen Posttag auf. Die liebreicheste Art, womit diese Sache gehandelt 
wurde, únd insonderheit die Eigenschafft eines unvergleichlichen Fürstens (der 
nicht viel weniger Noten wußte, als ich selbst) machten, daß ich den Maynstrom 
vergaß, und hier eine Bestallung annahm zu 500 Rthlr. 2. Malter Weitzen, 
12. Malter Korn, 12. Malter Gersten, und 12. Klaffter Holtz; der übrigen 
Zugänge von den zahlreichen Geburths- und andern Festen, desgleichen von 
den Capellknaben, wovon insgesamt alles vermehret werden sollte, zu ge-
schweigen; und wobey Serenißimus sich vorbehielt, meine musikalischen Ca-
binetdienste grosmüthig zu belohnen.

       Ausser diesen Vortheilen ward bewilliget, daß ich zugleich in eisenachi-
schen Diensten, gegen jährliche 200 Rthlr. verbleiben, und zu bedungenen Zei-
ten daselbst in Person erscheinen sollte. Ferner war der Durchl. Hertzog, 
Ernst August, in Weimar entschlossen, mir nicht allein ein gleiches Tracta-
ment, wie das itztgedachte, beizulegen; sondern auch, durch hohe Vorschrifft, 
die übrigen sächsischen Herren, ernestinischer Linie, wenigstens durch Über-
sendung gewisser Musikalien, mir nutzbar zu machen, und den Titel eines all-
gemeinen Capellmeisters besagter Linie zu verschaffen. Indes wuste eine win-
selnde Ehegattin, nebst der Beredsamkeit meiner Verwandten und Bekannten 
mich durch Scheingründe auf andre Gedancken zu bringen, und gab daher 
manchem Anlaß zu glauben, daß ich itzt die Hauptthorheit bezahlet hätte, die 
ein jeder der Welt schuldig ist: indem ich wieder nach Franckfurth ging.

       Meine musikalischen Verrichtungen daselbst waren, daß ich die eisena-
chischen, unvollkommenen Jahrgänge ausfüllete; fünf neue machte, und die 
Reihe der Instrumentalstücke vermehrete, die mir, nebst den vorhingesetz-
ten, bey dem angefangenen grossen, wöchentlichen Concerte im Frauenstein, 
Dienste thaten. Eben dieses veranlassete auch die Musik zu den 5. davidischen 
Oratorien von der Poesie des Königl. polnischen Ceremonien-Raths, Herrn 
Johann Ulrich Königs.
       Die Vermählung Sr. gegenwärtigen K. M. von Polen zog mich 
von Franckfurth nach Dresden, wo zwo Opern vom Hrn. Lotti, eine frantzö-
sische vom Hrn. Schmid*) , und die vierte, nebst zwo Serenaten, vom Hrn. 
Heinichen vorgestellet wurden. Die Hauptsängerinnen und Sänger waren: 
die Lotti; Durastanti, so man Gräfinn nannte; Thesi, Heßinn, die, ob

 

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*) Daß dieser Mann begraben, stehet zwar im musikalischen Lexico, doch nicht, daß er Ca-
pellmeiser in Dresden gewesen: welches gleichwohl nothwendig zu wissen scheinet. 
S. die matthesonische musikalische Critick, II. Band p. 266 -- 276

[S. 365]

sie zwar eine Deutsche, dennoch jenen fast gleich geschätzet wurde; Senesino
Bercelli
, der biß ins dreigestrichene f deutlich heraufsang; Francisco Guic-
ciardi
etc. Ausser den genug bekannten, dresdenschen, ausbündigen Virtuo-
sen, hörte ich hier auch den berühmten Francesco Maria Veracini.
       Zum prächtigen Freudenfeste, welches Franckfurth, wegen der Ge-
burth des österreichischen Ertzhertzogs und Printzens von Asturien, feirete, lie-
ferte ich eine umfängliche Serenate, die unter freiem Himmel, auf einem Ge-
rüste, auf dem Römerberge, von vielen vortrefflichen, verschriebenen Vir-
tuosen verstärcket; überhaupt aber mit mehr als 50. Personen, besetzet, sich 
hören ließ: und die ich hernach Seiner Kaiserl. Majestät dedicirte. Weiter 
machte ich mich über das Meisterstück des Passions-Oratorio Sr. Hochweish. 
Herrn B. H. Brockes, Herrn des Raths in Hamburg: und hiernächst über 
dessen Vergnügung des Gehörs im Frühling; über eben desselben Wasser-
musik
; welchen hernachmahls in Hamburg der Herbst und Winter folgeten. 
Die erste wurde, an etlichen ausserordentlichen Tagen in der Woche, in der 
Hauptkirche, starck und ausbündig bestellet, bey Anwesenheit verschiedener gros-
ser Herren, und einer unsäglichen Mengen von Zuhörern, zum Besten des Wai-
senhauses, aufgeführet. Es ist hiebey, als etwas sonderbares, zu mercken, 
daß die Kirchenthüren mit Wache besetzet waren, die keinen hineinließ, der nicht 
mit einem gedruckten Exemplar der Passion*) erschien, und daß die mehresten 
Glieder E. Ehrw. Ministerii am Altare in ihren Pontificalkleidern Platz nah-
men. Sonst hat diese Passion in vielen Städten Deutschlands  die Chöre 
und Klingsäle erschallen gemacht.
       An Hochzeitsserenaten mögen etwa 20. hervorgetreten seyn, zu welchen 
allen die Verse mich zum Urheber haben; derer viele ich aber, in Ansehung ihrer 
Freiheit, und ihres nicht gar zu schmackhafften Saltzes, itzo zu schreiben Be-
dencken tragen würde. Meine zwote Heirath wurde allhie in Franckfurth, 1714. 
mit Hrn. Andreä Textors, Rathskornschreibers ältesten Jungfer Tochter, 
Maria Catharina, vollzogen.


       Folgende Wercke kamen in mehr gedachtem Franckfurth am Mayn von 
mir, durch öffentlichen Kupfferdruck, zum Vorschein: 6. Sonaten mit 1. Viol. 
und G.B.; 6 Trii für allerhand Instrum. und G.B.; 6. Sonatinen, mit 1. 
Viol. und G.B.; kleine Kammer-Music fürs Clavier, oder andre Instrumente. 
      
Im Jahr 1721. den 10. Jul. wurde ich, nachdem Herr Joachim 
Gerstenbüttel
seeligen Todes verblichen, in Hamburg zum Directore des 
musikalischen Chors, und Cantore des Johannei erwählet, und um Michaelis

 

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*) Das ist eine schöne,  zum Abgange der Bücher dienliche, Erfindung: zumahl ad pias causas.

[S. 366]

darauf, nach verhergegangenen Einladungs-Programmate, mittelst einer 
Rede, de Musica in Ecclesia, feierlich eingeführet.

       Ohngefehr ein Jahr hernach wurden die in Abnehmen gerathene 
Opern, durch einige Ministers und hochadeliche Personen, in eine verbes-
serten und prächtigen Stand gesetzet, und mir dabey die Aufsicht über die 
Musik, nebst der Verfassung neuer Schauspiele, gegen 300. Rthlr. jähr-
lichen Einkommens aufgetragen.
       Anno 1723. berief mich Leipzig an die Stelle weiland Herrn Johann 
Kuhnau
, Musicdirectoris und Cantoris daselbst, welche Ehre der Nachfolge 
mir bereits vor 20. Jahren zugedacht war: weil jenes Schwächlichkeit dessen 
baldigen Tod vermuthen ließ; allein es beliebte der Stadt Hamburg, diesen 
Ruf, durch ansehnliche Verbesserung meines Unterhalts, abzulehnen.
       Der eisenachische Hof, dem ich annoch, als Capellmeister, mit 
einer Besoldung von 100 Rthlr., bedient war, ernannte mich 1724. zum Cor-
respondenten, mit Beilage von ebenmäßiger Summe: in welcher Ver-
waltung ich die merckwürdigsten Neuigkeiten im Norden wöchentlich zwei
mahl zu berichten hatte.
       Ferner erhielt ich 1726. von Bayreuth eine Bestallung, als Capell-
meister, lieferte von Zeit zu Zeit einige Instrumental-Musik, und jährlich eine 
Oper: wofür mir 100. Rthlr. Besoldung angediehen.

       Im 1729ten Jahre wurde mir aus Rusland gewincket, um eine deut-
sche Capelle zu errichten, die sich hernach in eine welsche verwandelt hat. Ham-
burgs Annehmlichkeit aber, und der Vorsatz, nach vorhergegangenen viermah-
ligen Rücken, endlich stille zu sitzen, überwogen die Begierde nach einer ausser-
ordentlichen Ehre.
       Meine längst-abgezielte Reise nach Paris*) , wohin ich schon von 
verschiedenen Jahren her, durch einige der dortigen Virtuosen, die an etlichen 
meiner gedruckten Wercke Geschmack gefunden hatten, war eingeladen wor-
den, erfolgte um Michaelis, 1737. und wurde in 8. Monathen zurück geleget.

 

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*) Hier kann ich nicht umhin, dem Verfasser, der aus bescheidenheit von seiner grossen Stär-
cke in den lebenden Sprachen stilleschweiget, ins Wort zu fallen, und ihm Gerechtigkeit 
wiederfahren zu lassen, mit dem Geständnis, daß er schon längst vor seiner Pariser Reise, 
und ohne Deutschlands Grentzen weit zu überschreiten, nicht nur für einen Meister 
im Französischen, und Italiänischen, sondern auch so gar einiger massen im Eng-
ländischen hat gehaltem werden
können: wie mir solches aus unserem Briefwechsel be-
kannt ist. Ach! Es ist ein schönes, nützliches Ding um diese Sprachen. Lieben Leute, 
lernet sie, wo ihr in der Welt fort kommen, und zulezt in eurer Einsamkeit, unter den 
todten Lehrmeistern, ein vergnügtes Leben führen wollet.

[S. 367]

Daselbst ließ ich, nach erhaltenem Königl. Generalprivilegio auf 20 Jahr, 
neue Quatuors auf Vorausbezahlung, und 6. Sonaten, die durchgehends
aus melodischen Canons bestehen, in Kupffer stechen. Die Bewunderungs-
würdige Art, mit welcher die Quatuors von den Herren Blauet, Traversisten; 
Guignon, Violinisten; Forcroy dem Sohn, Cambisten; und Edouard
dem Violoncellisten, gespielet wurden, verdiente, wenn Worte zulänglich wären, 
hier eine Beschreibung. Gnug, sie machten die Ohren des Hofes und der 
Stadt ungewöhnlich aufmercksam, und erwarben mir, in kurtzer Zeit, eine fast 
allgemeine Ehre, welche mit gehäuffter Höflichkeit begleitet war.
       Sonst verfertigte ich für Liebhaber zween lateinische, zwostimmige da-
vidische Psalmen mit Instrumenten; eine Anzahl Concerte; eine frantzösische 
Cantate, Polypheme, genannt; eine schertzende Symphonie auf das Modelied 
vom Pere Barnabas; hinterließ eine Partitur zum Druck von 6. Trii; setzte 
und hörte, zum Beschluß, den 71. Psalm in einer grossen Motete, von 5. Stim-
men und mancherley Instrumenten, die im Concert spirituel von bey nahe 
hundert auserlesenen Personen, in dreien Tagen zweimahl, aufgeführet wurde, 
und schied mit vollem Vergnügen von dannen, in Hoffnung des Wiedersehens.
       Endlich wäre auch meiner aus zwo Ehen erzeugten Kinder zu gedencken. 
Aus der ersten Ehe habe nicht mehr, als eine Tochter: Maria Wilhelmina Eleonora
gebohren 1711. den 14. Jenner. Aus der andern; einen Sohn: 
Andreas; gebohren 1715. den 25. May, itzo Candidat des Ehrw. hambur-
gischen Ministerii. Einen Sohn: Hans; gebohren 1716. den 14. Julii, ge-
wesener Cadet bey der dänischen busekistischen Compagnie, währenden Feld-
zuges am Rhein, 1735, gegenwärtig in Diensten bey Sr. Excellentz, dem däni-
schen wircklichen geheimen Rath von Alefeld. Einen Sohn: Henrich 
Matthias; gebohren 1717. den 4. August, Lehrling bey einem Materiasten 
und Drogisten, Herrn Mühlrath in Lübeck. Eine Tochter: Clara; gebohren 
1719. den 20. Jenner. Einen Sohn: August Bernhard; gebohren 1721. 
den 1. Julii; gestorben 1738. den 2. May. Einen Sohn: Johann Bartold 
Joachim; gebohren 1723. den 13. Märtz; wird, nachdem er die Schulwis-
senschaften noch einige Zeit getrieben, die Chirurgie ergreiffen. Einen Sohn: 
Benedict Conrad Eibert; gebohren 1724. den 12. September; Lehrling 
bey meinem Vetter, Hr. Warmholtz, Apothekern in Stockholm. Einen Sohn: 
Ernst Conrad Eibert; gebohren 1726. den 8. April; gestorben 1727. den 
10. Dec. Summa: sieben Söhne und zwo Töchter; davon zween Söhne 
verstorben: daß also noch fünf Söhne und die zwo Töchter am Leben sind.

       Uebrigens füge hier annoch ein Verzeichniß, jedoch nur ohngefehr von
 

[S. 368]

derjenigen Musik hinzu, die ich in den 18 hier zurückgelegten Jahren ausgearbei-
tet habe. Nehmlich zwölf Jahrgänge; viele umfängliche Stücke mit Trom-
peten und Paucken, zu hohen Festtagen; etwa 700. Arien, so ich in den Singe-
stunden anschreiben lassen; neunzehn Passions-Musiken, worunter zwo gantz 
poetisch und zu deren einer, nehmlich dem Seeligen Erwägen, die Worte von 
meiner Feder sind; sechs zu bürgermeisterlichen Beerdigungen; zwölff zu Pre-
digereinführungen; drey zu Jubelfesten, als der evangelischen Reformation, 
der Hrn. Oberalten, und der Admiralität, bey deren ersten fast jeder Kirche 
was besonders hatte; drey zu Kircheneinweihungen; zwei grosse Oratorien; 
vier Trauermusiken; auswärts; dreißig Serenaten, ohne die Trauungsstücke, 
zu Hochzeiten; sechzehn dergleichen, und so viel Oratorien, zum jährlichen
Bürgercapitains-Gastmahle; etwa fünf und dreißig Stücke hiesiger Opern, 
Vor- Zwischen- und Nachspiele, unter welchen die Poesie, zur Omphale von 
mir, nach dem Frantzösischen übersetzet, und diejenige zum Siege der Schön-
heit
nur hier und da, nebst etlichen Zusätzen, geändert ist, weiter aber keine 
andre mir zuzueignen stehet; zwo Opern, Stilico und Adelheid nach Bay-
reuth; drei Operetten nach Eisenach; eine gantze Reihe von Singe- und In-
strumental-Sachen zu den ehemahligen Winter-Concerten; bei 600. Ouver-
türen, Trii, Concerte, Clavierstücke, ausgearbeitete Choräle, Fugen, Can-
taten etc. für hiesige und auswärtige Liebhaber.

       Von gedruckten Wercken sind folgende ans Licht getreten: harmoni-
scher Gottesdienst, ein Jahrgang, mit 1. Stimme 1. Instr. und GB.; dessen 
Fortsetzung mit 1. St. 2. Instr. und GB.;  Auszüge der Arien aus einem 
Jahrgange, im kisnerschen Verlage; evangelische Jubelmusik, 2. Cantaten; 
6. weltliche Cantaten; lustige Arien aus der Oper Adelheid; Pimpinon, ein 
Zwischenspiel: 6. moralische Cantaten, mit 1. St. und GB.; 6. dergleichen 
mit 1. St. 1. Instr. und GB.; 12. geistliche Canons, mit 2, 3, und 4. St.; 
Ein Choralbuch; Sonaten ohne Baß, für 2. Flöten oder Viol.; methodische 
Sonaten mit Manieren für Viol. oder Travers. und GB.; deren Fortsetzung 
erstes Siebenmahl Sieben und ein Menuett; zweites dergleichen; Heldenmusik, 
eine Ouvertür und Suite; 6. Quadri, für Travers. Viol. Gambe, oder 
Violoncel, und GB.; neue Sonatinen fürs Clavier; 3. methodische Trii und 
3. schertzende Sonaten, für 2. Viol. oder Trav. und GB.; 26. Clavierfantai-
sien; 12. dergleichen für die Trav. ohne Baß; 13. für die Gambe; Tafelmusik 
mit vielerley Instrumenten; 6. Quadri oder Trii, mit 2. Viol. oder Trav. und 
2. Violoncells; 12. Soli, für Trav. oder Viol. und GB.; 6. Concerte und 
Suiten fürs Clavier und Trav.; corelisirende Sonaten, mit 2. Viol. oder
 

[S. 369]

Travers. und GB.; Melodische Schertze mit Viol. Bratsche und GB.; 
6. Trii für 2. Traversen und GB. in Paris, nach einem ergriffenen Ms. 
gestochen, woselbst auch in einem Jahre, nehmlich 1730., sieben von mei-
nen hiesigen Wercken nachgedruckt worden; 24. fugirende Choräle für Or-
gel und Clavier; lustiger Mischmasch oder Scotländische Stücke fürs Clav. 
und andere Instrum.; 6. Ouverturen mit 2. Viol. Bratsche, 2. Waldhör-
nern und GB.; Musicmeister, allerhand Musikarten zum Singen und 
Spielen enthaltend; Singe-Spiel- und Generalbaß-Uebungen: Arien, 
Exempel und Regeln zum Generalbaß; 6. neue Quarors, mit Instr.; 
wie der vorigen, in Paris gedruckt; 6. Sonaten, in 18. melodischen Ca-
nons, für 2. Trav. oder Viol. ohne Baß, daselbst gedruckt; Galanterie-
Fugen und kleine Stücke fürs Clavier; 6. Symphonien, mit 2 Viol. 
einem Waldhorn und GB.; Beschreibung einer Augen-Orgel, aus dem 
Frantzösischen.

       Nachgehende hat man, guten Freunden zu Gefallen, herausge-
geben: 6. Soli, für Violin. und GB., von Herrn Graf; 6 Duette oder 
Trii, für 2 Viol. mit und ohne GB. von Herrn Förster; Anleitung 
zum Transponiren, von Herrn Haltmeier.

          Ein Lulli wird gerühmt; Corelli lässt sich loben;
          Nur Telemann allein ist übers Lob erhoben.

 


 

Quelle

Georg Philipp Telemann. Autobiographien 1718, 1729, 1740, o.O., o.J. [Blankenburg 1977] (= Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, H. 3), S. 36-51.

 

Faks
[...]

Johann Mattheson, Grundlage einer Ehren-Pforte, woran der tüchtigsten Capellmeister. Componisten, Musikgelehrten, Tonkünstler etc. Leben, Werde, Verdienste etc. erscheinen sollen. Zum fernern Ausbau angegeben von Mattheson, Hamburg 1740, S. 354-369.

 

Neudrucke

u.a.: Georg Philipp Telemann. Autobiographien 1718, 1729, 1740, o.O., o.J. [Blankenburg 1977] (= Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, H. 3), S. 36-51.


   

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